Hintergrund
Das Problem wird von Rachel Jary, Journalistin bei Rouleur.cc, sehr gut auf den Punkt gebracht:
"Questions over the fairness of Zwift, at an amateur racing level, come largely from the evolution of 'sandbaggers' — those who purposely enter a race category that is below their ability, to ensure that they win or achieve a high placing. While this gives a welcome morale boost to those at the top of the leaderboard, it ruins the events for those racing in the correct category."
Sandbagging kurzgefasst: Das bewusste Unterschreiten von definierten Leistungsgrenzen im Wettkampf mit dem Ziel, in einer Kategorie unterhalb seiner Leistungsfähigkeit Erfolge zu erzielen.
Wie Rachel schreibt, bedeutet das nicht nur einen Kick für das eigene Ego, sondern kann Zwiftern, die in der richtigen Kategorie Rennen fahren, den Spaß an Zwift Rennen verderben.
Die WattFabrik spricht sich daher klar gegen Sandbagging und für faires Zwiften aus!
Anzeichen für Sandbagging
Sandbagging ist nur schwer vom ehrlichen Fahren an der eigenen Leistungsgrenze zu unterscheiden. Es gibt keine festen Grenzen und der Grat ist schmal zwischen absichtlichem Zurückhalten (auch mit Hilfsmitteln) und dem Fahren an der eigenen Leistungsgrenze.
Es gibt aber Hinweise, die zeigen, dass ein Sportler oder eine Sportlerin animiert werden sollte, in einer höheren Kategorie zu starten:
- Regelmäßig sehr gute Renn-Platzierungen
- Niedriger Durchschnittspuls, verglichen mit dem Maximalpuls in anderen Rennen
- Einstufung dauerhaft knapp unter der jeweils oberen Kategoriegrenze.
Es ist bei Betrachtung der o.g. Punkte aber Vorsicht geboten, um ehrliche Sportler nicht zu Unrecht zu verurteilen. Mehrere legitime Gründe können zu ähnlichen Mustern führen:
- Kategoriegrenzen sind willkürlich gesetzt und es kann sein, dass die Leistungsfähigkeit einzelner Sportler:innen eben genau an diesen Grenzen liegt.
- Intelligente Rennauswahl entsprechend den eigenen Stärken (z.B. flache Strecken für Sprinter, bergige Strecken für Climber) führt naturgemäß zu besseren Platzierungen – ohne dass Sandbagging vorliegen muss.
- Erfahrene Fahrer fahren taktisch intelligente Rennen. Das kann dazu führen, dass sie mit vergleichsweise niedrigem Durchschnittspuls eine gute Platzierung erreichen, ohne zu sandbaggen.
Kategorie-Systeme
Entwicklung der Situation:
Zwift und auch Dritte haben versucht, die Infrastruktur für faire Rennen in den letzten Jahren zu verbessern. Unterschiedliche Kategorie-Systeme wie der Zwift Racing Score, die Einstufung nach zFTP und zMAP oder das vELO-Ranking von ZwiftRacing erschweren es Zwiftern, langfristig in zu niedrigen Kategorien erfolgreich zu sein. Jedes Kategoriesystem hat dabei Schwachstellen, die bewusst oder auch unbewusst ausgenutzt werden können, um in niedrigeren Kategorien zu starten und bessere Platzierungen zu erzielen.
Deshalb bleibt Sandbagging – besonders bei neuen Fahrern oder in Serien mit älteren Kategorie-Systemen – ein Thema, das Aufmerksamkeit verdient.
Die WattFabrik ermutigt ihre Mitglieder, sich der sportlichen Herausforderung zu stellen und im Zweifel lieber in einer höheren Kategorie zu starten. Fairer Sport, die sportliche Entwicklung des Einzelnen und damit auch des gesamten Teams ist uns wichtiger als gute Platzierungen.
Ansätze bei der Kategorisierung
Im Prinzip kann man zwei grundsätzliche Arten der Kategorisierung für Zwiftrennen unterscheiden:
- Leistungsbasierte Einstufung (Zwift Pace Groups, basierend auf zFTP und zMAP) und
- Ergebnisbasierte Einstufung (Zwift Racing Score (ZRS) oder ZwiftRacing vELO)
Die Organisatoren von Rennen oder Rennserien können die Art der Kategorisierung frei wählen. Dies ist in den Regeln für die jeweiligen Rennen beschrieben.
Leistungsbasierte Einstufung (Zwift Pace Groups)
Die Pace Groups sind die klassische Einstufung auf Zwift in A, B, C und D Kategorien, abhängig von festgelegten Leistungswerten. Zu Beginn war das ausschließlich der 20 Minuten Leistungswert in W/Kg, was Sandbagging sehr einfach gemacht hat und auch die Anforderungen an Zwiftrennen nicht abbilden konnte, die häufig durch Sprints oder kurze Belastungen im Bereich von unter 5 Minuten entschieden wurden.
Dem hat Zwift Rechnung getragen und die Pace Groups neu eingeteilt. Dazu wird eine Leistungskurve aus Maximalleistungen der letzten 90 Tage über unterschiedliche Zeitdauern erstellt und aus dieser Kurve dann die Werte zFTP (Leistung über 12-20 Minuten) und zMAP (Leistung über <5 Minuten) generiert, auf deren Basis die Pace Group festgelegt wird.
Dies System hat einerseits den Vorteil, dass 90 Tage Bestwerte herangezogen werden, um kurzfristige Schwankungen zu vermeiden und die Berechnung der Werte von Zwift nicht zugänglich gemacht wird und so die Manipulation erschwert wird.
Andererseits sind bestimmte Fahrertypen durch die von Zwift gewählten Algorithmen im Vor- oder Nachteil:
- Sprinter und Puncheure, deren Stärken eher im Bereich von 1–5 Minuten Belastungen liegen, sind oft im Vorteil. Sie können physiologisch oft im Verhältnis keine hohen 20-Minuten-Leistungen erbringen und trotzdem ihre in Rennen häufig entscheidenden Stärken ausspielen, ohne die Kategorie Grenzen zu überschreiten.
Außerdem führen hohe Kurzzeitwerte in der Zwift-Leistungskurve zu einer Unterschätzung des zFTP-Wertes. - Im Nachteil bei der aktuellen Kategorie Einstufung sind dagegen Rouleure und Climber, deren Stärken bei konstant hohen W/kg Leistungen über längere Zeiträume liegen. Sie erreichen bei den oft rennentscheidenden kurzen Belastungen nicht das Niveau von niedriger eingestuften Fahrern und müssen oft in höheren Kategorien fahren.
Zusätzlich führen vergleichsweise niedrige Kurzzeitwerte in der Leistungskurve zu einer Überschätzung des zFTP-Wertes.
Ergebnisbasierte Einstufung (Zwift Racing Score (ZRS), ZR vELO)
Das Zwift Racing Score System ist seit Oktober 2024 der Standard für etwa 85 % aller öffentlichen Zwift Races. ZRS ist ein ergebnis-basiertes System, das sich erheblich von älteren, rein power-basierten Kategorien unterscheidet. ZRS ist dem vELO-Score von ZR sehr ähnlich, welcher bereits wesentlich früher vorgestellt wurde.
Wie funktionieren ZRS und vELO? Fahrer:innen erhalten beim ersten Rennen einen Seed-Score (Mindestwert) basierend auf Ihren Leistungswerten über verschiedene Zeitdauern). Nach jedem Rennen wird der Score basierend auf der Platzierung im Verhältnis zur Stärke des Fahrerfeldes angepasst. Gute Platzierungen führen zu einem höheren Score – und damit zu automatischem Kategorie-Aufstieg. Ein wichtiger Anti-Sandbagging-Mechanismus ist der „ZRS-Floor": Der Score kann nicht unter 85 % des initialen Seed-Scores sinken. Das verhindert, dass Fahrer:innen ihren Score künstlich runterfahren können, um in niedrigeren Kategorien zu bleiben.
Warum ist ZRS ein Fortschritt?
Im älteren, power-basierten System konnten Fahrer:innen große Erfolge in ihrer Kategorie haben, ohne hochgestuft zu werden – solange die Leistungs-Limits nicht überschritten wurden. Mit ZRS ist das nicht möglich: Regelmäßige Siege oder Top-Platzierungen führen automatisch zu einem höheren Score und damit zu Kategorie-Anpassungen.
Warum nutzt die ZRL (Zwift Racing League) noch Pace Groups?
Die ZRL nutzt das Pace Group System mit zFTP und zMAP als primäre Kategorie-Grenzen. Dies hat den Hintergrund, dass die ergebnisbasierten Systeme für die Größe der Rennserie und Vielfalt der Fahrerfelder zu volatil und wenig vorhersagbar ist. Das heißt, dass innerhalb der einzelnen Runden mit sehr vielen Auf- und Abstiegen von Teilnehmenden zu rechnen ist und das für die Einteilung der Teams in Kategorien nicht sinnvoll umsetzbar ist.
Um für alle Teilnehmenden interessant zu bleiben hat die ZRL Development Divisionen eingeführt – separate, niedrigere Kategorien innerhalb jeder Liga-Kategorie, für Fahrer:innen in der unteren 60 % der Leistungsbandbreite. Dies ermöglicht aufstrebenden Fahrer:innen, fair gegen gleichstarke Gegner:innen zu fahren, ohne komplett überfordert zu sein.
WattFabrik Haltung
Die WattFabrik versteht sich als Zwift-Renngemeinschaft und möchte konkurrenzfähig an modernen Zwift-Rennserien teilnehmen. Daher geben wir keine eigenen Restriktionen über die vom Rennveranstalter definierten Regeln hinaus vor. Wir unterstützen aber die Entwicklung und Nutzung fairer, transparenter Kategorie-Systeme. Auch halten wir es für legitim, dass die Auswahl von Rennteilnahmen nach eigenen Stärken und Schwächen bzw. Vorteilen im verwendeten Kategorie System erfolgt. Eine aktive Beeinflussung der Kategorisierung lehnen wir jedoch strikt ab.
Umgang mit Sandbagging
Da Sandbagging nicht eindeutig an Werten festzumachen ist (s. "Anzeichen für Sandbagging"), werden bei der WattFabrik keine Strafen oder Sanktionen festgelegt.
Vielmehr setzen wir auf die Kommunikation und Unterstützung der Wattfabrikant:innen untereinander.
Wenn WattFabrik Mitglieder Hinweise bei einzelnen Fahrern:innen für Sandbagging entdecken, sollten sie diese darauf sportlich-fair ansprechen, die Hintergründe klären und ggf. motivieren, in einer höheren Kategorie an den Start zu gehen.
Wichtig ist dabei: Mit modernen Systemen wie ZRS liegt mehr Eigenverantwortung bei den einzelnen Fahrer:innen. Das bedeutet konkret:
- Regelmäßig Rennen oder Tests fahren, um aktuelle Maximalwerte über unterschiedliche Zeitdauern zu erhalten, nicht absichtlich unterfahren
- Zu Saisonbeginn den Seed-Score überprüfen und eher in einer höheren Kategorie an den Start gehen, wenn dieser unrealistisch ist
- Verstehen, dass gute Ergebnisse automatisch zu Kategorie-Aufstieg führen (besonders bei ZRS) – das ist Absicht des Systems, nicht eine Bestrafung
Die WattFabrik versteht Fair Play nicht nur als Regelwerk-Einhaltung, sondern als zentralen Bestandteil unseres Club-Ethos. Das bedeutet: Akzeptieren, dass die sportliche Herausforderung wichtiger ist als Siege, und den Mut haben, in einer neuen Kategorie auch mal schwächer zu sein.




